
Schon mit dem Verlassen des Busses und dem Blick auf die kleine Propellermaschine der Lao Air kommt ein Gefühl von Beschaulichkeit auf und löst den Stress von unserem Flug Frankfurt – Bangkok und einem zwar schönen, aber auch recht unruhigem Tag in der Metropole ab.

Der Flughafen Luang Prabang ist provinziell und so steht nur eine weitere kleine Maschine am Rollfeldrand als wir nach knapp zwei Stunden das Flugzeug verlassen. Die Abfertigung in der ärmlichen Empfangshalle teilen sich gleich fünf Beamte. Der erste zieht die 40$ Visagebühr und ein Passbild ein, der zweite klebt unser Foto auf das erste ausgefüllte Formular und nimmt es an sich, bevor Nummer drei wissenswerte Fakten aus unserem Pass in den vor ihm auf einem alten Bürostuhl geparkten Computer hackt und er das zweite Formular einsammelt. Nummer vier klebt das begehrte Visum in unseren Pass. Zuletzt stehen wir vor der Kamera von Nummer fünf, werden erkennungsdienstlich erfasst und bekommen Pass und Ausreiseformular wieder in die Hand gedrückt. Laos ist seit 1975 ein sozialistischer Einparteienstaat. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, der Lohn niedrig. So stehen dann, nachdem wir unseren Schein zur Berechtigung der Anmietung eines Taxis erworben haben, weitere sechs Menschen herum, die dilettantisch ihrer Aufgabe nachgehen. Wir setzen uns erst einmal und warten, dass ein Wagen für uns ankommt. Letztendlich wird es ein Minibus, der uns und weitere drei Passagiere zu verschiedenen Gästehäusern fährt. Das wir am Falschen rausgelassen werden und so die letzten Meter zu Fuß gehen müssen passt zu unserem Eindruck.

Luang Prabang ist uns sofort sympathisch. Es gibt keine hohen Häuser, viel alte Bausubstanz aus der französischen Kolonialzeit und natürlich die hohe Anzahl buddhistischer Tempel überall in der Stadt verteilt. Dazu die Lage der Altstadt zwischen dem mächtigen Mekong und seinem wesentlich kleinerem Nebenfluss Nam Khan. Die Stadt liegt in einer Ebene, umgeben von Bergen. Alles wirkt wie eine ruhige Provinzstadt, nur das Luang Prabang auf Grund seiner Geschichte und der herausragenden Bausubstanz als UNESCO Weltkulturerbe jede Menge Touristen anzieht und somit auch die gesamte Infrastruktur darauf ausgerichtet wurde: Hotels aller Preisklassen, Restaurants verschiedenster Geschmacksrichtungen und dazu jede Menge Tour-Anbieter, Souvenirläden und was ansonsten noch Geld einbringen kann. Aber trotzdem ist der Alltag der Stadteinwohner nicht davon zugeschüttet, sondern –zumindest außerhalb der Altstadt-Halbinsel – noch seinem täglichen Lauf folgend.

Ich bin sehr froh, dass es dieses Jahr geklappt hat und Eddy mich in den nächsten Wochen begleiten wird. Wir kämpfen beide noch mit dem Jetlag, genießen aber trotzdem unsere ersten Eindrücke bei einem Spaziergang durch die Stadt und landen zum Sonnenuntergang an einer der zahlreichen Gaststätten am Mekong. Diverse Boote starten nach und nach, um Urlauber zur goldenen Stunde auf das Wasser zu bringen. Wir genießen das Schauspiel und schauen der Sonne bei ihrem Sinkflug zu, bis sie schließlich hinter den Karstbergen für heute verschwindet, nicht ohne vorher Himmel und Fluss großzügig golden zu illuminieren. Für uns wird es Zeit auf dem Nachtmarkt nach ein paar Köstlichkeiten zu suchen.

Die Auswahl ist riesig und in den meisten Töpfen schmorrt und gart für uns undefinierbares. Wir entscheiden uns für einen Stand mit vielen kleinen vegetarischen Köstlichkeiten und schmecken schon mit der ersten Gabel, dass wir eine gute Wahl getroffen haben. An einem anderen Stand runden wir unsere Mahlzeit mit einem Mango-Lassy zur Begleitung eines Brownies ab. Wir schlendern noch weiter aus der Essensgasse in den Teil mit Kunsthandwerk aller Art. Leider scheint ein Großteil aus industrieller Produktion, vieles wohl aus China, zu kommen. Jeder Stand hofft auf Einkäufe der zahlreichen Touristen. Eddy freut sich an dem Gedanken, dass chinesische Reisegruppen in Laos chinesischen produzierten Ethnokitsch ankaufen und ihn zurück in ihr Land transportieren. Wir erstehen nur zwei Sim-Karten, um auf der weiteren Reise unsere Wege zu finden und miteinander in Kontakt bleiben zu können.

Manchmal kann der Jetlag auch günstig sein. Wir möchten um 5.30 Uhr aufstehen, um den Almosengang der Mönche anzuschauen und wachen ohne Wecker pünktlich auf. Es ist noch völlig dunkel, als wir die Straße betreten, in Richtung Halbinsel losgehen und schließlich kurz vor Beginn der Zeremonie eintreffen. Hunderte kleine Plastikstühle stehen bereit, hauptsächlich schon von Chinesen besetzt, um aus der demütigen Haltung den Mönchen ihre Gabe überreichen zu dürfen. Der Gang ist hier zu einer Touristen-Attraktion verkommen. Dabei stören die Menschen auf den Stühlen nicht, wohl aber die mit Blitzlicht penetrant in die Gesichter der Mönche knipsenden Menschen bar jeder Empathie. Wie mögen sich die Mönche bei dieser Behandlung vorkommen, vorgeführt wie Tiere in der Manege? So ist aus einer stillen Zeremonie ein Laufsteg geworden.

Die Mönche tragen es mit der ihnen eigenen Würde und ziehen ruhig durch die Straßen. Ich hoffe, dass es durch die schon anwesenden Ordner in der Zukunft zu der Durchsetzung eines Blitzlichtverbots kommt, damit eine eigentlich so großartige sozio-kulturelle Tradition ihre Würde zurück erhält! Wir wandern an einem schönen Kloster vorbei auf den Phou Si, einen kleinen Berg mitten im Zentrum. Von der Spitze schauen wir uns den Sonnenaufgang über den Karstbergen im Osten an. Hier oben gibt es eine schöne Aufsicht der Stadt, überall finden wir Kloster zwischen den Wohngebäuden. Auch die Menge von Bäumen ist wunderschön. Zusammen mit den Dächern bilden die Kronen eine die Stadt herrlich überdeckende Einheit. Langsam steigen wir wieder hinab, jetzt ein wenig hungrig, damit wir pünktlich zum Frühstück in unserem Gasthaus ankommen.

Der Markt für Esswaren findet täglich ab früh morgens statt. Es gibt eine Menge uns unbekannte Früchte und Gemüse. Dazu ein paar zumindest gewöhnungsbedürftige Lebensmittel. Wir entdecken noch lebende Käfer, durchgebratene Ratte und einiges undefinierbares. An einem der Stände, die schon gekochtes oder frisch zubereitetes verkaufen setzen wir uns auf zwei Hocker. Es gibt gebratene Eier mit einer scheinbar Fleisch beinhaltenden Masse, eingeschlagen in einen sehr dünnen Teig. Uns schmeckt es köstlich und zufrieden mit unsrem zweiten Frühstück schlendern wir noch ein wenig entlang der Reihen. Im Gegensatz zum Abend sind kaum Touristen unterwegs, dafür kaufen die Einheimischen ihren täglichen Bedarf hier ein. Überall erden Schwätzchen gehalten, Ware begutachtet und Geldscheine ausgetauscht.

Wir schauen uns zwei der fünfunddreißig Klöster genauer an. Eines besitzt ein paar lustige Details. So den von einem der Abte gefahrenen VW Käfer in einem kleinen Schrein hinter Glas ausgestellt. Die Atmosphäre ist innerhalb der Mauern angenehm entspannt, so dass wir uns gerne eine Weile umschauen und die Ruhe genießen. Das 1560 erbaute Vat Xhiang Tong ist das älteste Kloster der Stadt und liegt an der Spitze der Altstadthalbinsel. Der Sage nach blieb es bei der Einnahme der aus dem Südwesten Chinas kommenden Black Flags 1887 nur erhalten, weil deren Führer einst Novize im Vat Xhiang Tong war und es während der Besetzungszeit zu seinem Quartier erkor.

Während Eddy sich ein wenig ausruht und Clash Royal zockt, gehe ich das Viertel um unser Hostel ab. Es ist Nachmittag und die ersten Frauen sitzen vor ihren Häusern und kochen über Holzkohle das Abendessen. Ein noch im Bau befindliches Haus wird von einer Anzahl Mönche in einer großen Zeremonie geweiht. Auf eine Podest sitzend, reden sie zu den Hausbauern und ihren Gästen. Es gibt Speisen und Getränke für alle, Kinder spielen drumherum und gemeinsam gesprochene Gebete sollen nur das Gute für das neue Heim beschwören. An einer Ecke gibt es einen Laden für Hochzeitsfotografie. Vor der Tür steht ein gerahmtesBild eines Paares in traditioneller Kleidung. Auch hier scheinen Trauungen ein großes romantisches Ereignis zu sein. An einer Baustelle fällt mir auf, dass nur Frauen arbeitend zu sehen sind. Bei uns eine eindeutige Minderheit, scheinen sie hier für den harten Job eine Normalität darzustellen.

Über unser Hostel leihen wir uns zwei Motorroller, mit denen wir einen Ausflug zu den dreißig Kilometer außerhalb liegenden Kuang Si Wasserfällen unternehmen. Wahrlich kein Geheimtipp, fahren wir früh los und kommen so noch vor den Busen und anderen Horden am Ziel an. Alles ist gut organisiert, so dass wir vom Parkplatz in E-Tuk Tuks weiter zum Eingang gebracht werden. Von hier geht es über gut angelegte Wege zu den ersten türkisfarbenen Becken. Alle bringen sich in Stellung für ein gutes Foto, die einen vor und die anderen hinter Kamera oder Handy. Ohne die vielen Gäste wäre es magisch, aber auch sind die Fälle und ihre Umgebung wunderschön. Etwa fünfhundert Stufen führen zu einem in den Baumkronen gelegenen Café. Bei klarer Luft wäre der Ausblick bestimmt noch wesentlich schöner, trotzdem definitiv eine Kaffeepause wert. Wir kombinieren sie noch mit einem Satz Backgammon.

Es gibt verschiedene Wege, die zu den oberen Becken führen. Hier sind wesentlich weniger Menschen, die schlecht zu Fuß gehenden sind bereits ausgeschieden. Oberhalb des großen Wasserfalls kommt der Fluß aus dem Wald und staut sich zu einem kleinem Teich, bevor er lauthals die zwanzig Höhenmeter fallend überwindet. Ein paar wenige sind im Wasser, Eddy und ich steigen hinzu. Es ist herrlich kühl, die Farbe umwerfend. Ich schwimme ein paar Minuten flußaufwärts und bin schnell völlig alleine. Hier ist es endgültig paradiesisch. Alle paar Meter fließt ein Bach oder kleiner Nebenfluss über eine Steinstufe. Hohe Bäume, ein paar Blumen im Halbschatten, einfach ein Genussmoment.

Eddy balanciert über einige der umgestürzten Bäume. Überall läuft das Wasser drüber und drunter. Flusskrebse und kleinere Fische bevölkern die Becken. Wir freuen uns beide an dem angenehmen Klima und streunen noch eine Weile durch den Wald, bevor wir uns an einer anderen Stelle steil abwärts auf den Rückweg begeben.

Am Abend gibt es ein großes Essen in unserem Gasthaus. Dreimal in der Woche wird gekocht und zusammen gegessen. Nur die Getränke müssen bezahlt werden, alle Speisen sind für Gäste umsonst. Dazu wird eine Karaoke Anlage in den Hof gestellt und nach anfänglicher Zurückhaltung finden sich immer mehr Sänger am Mikrophon ein. Besonders ein Russe von der Krim mit einer gut gesungenen Version von Willie Nelsons „Roll me up“...“and smoke me if i die“, einem Bekenntnis der Country Ikone zum kiffen. Laut Snoop Dog hat nur Nelson in seinem Leben mehr geraucht als er... Auch Eddy lässt sich nicht lumpen und gibt „Jonny“ von Jan Delay zum Besten. Er schlägt sich gut, vor allem, da die Anlage fast ganz den Geist aufgibt und er keine farbige Untermalung der zu singenden Stelle sehen kann. Gegen elf Uhr wird der Abend aus Rücksicht auf die schwangere Nachbarin beendet. Die Crew trommelt noch ein paar Gäste zusammen und gemeinsam fahren wir zur etwas außerhalb liegenden Bowling Halle, dem Treffpunkt aller Nachtvögel. Luang Prabang hat eine selbst auferlegte Sperrstunde ab 23.00 Uhr, um die Ruhe der Kloster und das UNESCO Weltkulturerbe zu schützen. Wir mieten eine Bahn in der Halle und ich hole erst einmal eine Runde Bier für unsere bunte Truppe aus Laoten, Deutschen, Engländern und einer Japanerin. Ein Engländer ist ziemlich hinüber und schafft es mehr als jeden zweiten Versuch in einer der beiden Kallen zu versenken. Es wird ein sehr lustiger Abend und so vergessen Eddy und ich schnell, dass unser Wecker am nächsten Morgen um 7.30 Uhr klingeln wird. Gut angetrunken und glücklich über den herrlichen Ausklang schalten wir gegen 2.00 Uhr das Licht aus.
















Unser Fahrer nach Nong Khiaw holt uns am nächsten Morgen pünktlich ab. Warum wir einen Shuttle zum eigentlichen Van bekommen ist völlig unklar, da dieser nur hundert Meter entfernt im nachbarschaftlichen Kloster parkt. Das rückwärtssetzen im Gegenverkehr um eine nur schlecht einsehbare Kurve dauert jedenfalls wesentlich länger als wir zu Fuß gebraucht hätten. Zwölf Leute werden in das Fahrzeug gepfercht, das Gepäck auf dem Dach vertäut. Da keiner so richtig einsteigen möchte, klettere ich in die letzte Sitzreihe, merke aber ein klaustrophobisches Angstgefühl in mir aufsteigen, auch weil ich nicht einmal aufrecht sitzen könnte. Ich steige schnell wieder aus. Eddy platziert uns dann in der Mittelreihe, ganz selbstlos die schon dort stehenden Rucksäcke einem französischen Paar ihnen zurückreichend. Den leicht aufkeimenden Protest ersticken wir mit Verweis auf unser Gardemaß. Erst geht es noch tanken, dann kauft die Frau oder Bekannte des Fahrers schnell ein paar Brote ein. Endlich startet die Fahrt, wird aber nach einer Viertelstunde jäh durch einen lauten Knall beendet. Zuerst denke ich ein Reifen sei geplatzt, stelle beim austeigen aber schnell fest, dass offensichtlich ein essentielles Teil an der Aufhängung gebrochen ist. Die vorderen Reifen versinken viel zu tief hinter den Kotflügeln. Der Fahrer fängt an zu telefonieren und nach einer knappen halben Stunde kommt ein Pritschen-LKW und lädt alle Fahrgäste auf. Der Vanfahrer versucht noch ohne unsere Last bis zur Werkstatt zu kommen, scheitert aber an einem qualmenden Reifen. Er kühlt das erhitzte Gummi mit einer Flasche Wasser ab, bleibt aber dann lieber doch stehen. So werden wir erst einmal an der Werkstatt abgeliefert, bevor die Pritsche unseren Van abschleppt. Es folgen mehrere Stunden Reparatur. Zuerst Abbau des Reifens und Beratschlagung, danach werden einige Teile ausgebaut und das große schweißen und dengeln beginnt. Schließlich wird alles wieder zusammengebaut und mit einem Maßband die Höhe der beiden Vorderseiten vermessen. Endlich scheint das Ergebnis befriedigend. Alle sind froh wieder aus ihrer Lethargie geweckt zu werden, auch wenn keiner so recht glaubt, dass die Schrottkarre es bis zum Ziel durchhält. Die Straße ist in einem schrecklichen Zustand. Andauernd bremst der Fahrer und versucht mit viel Gefühl durch die tiefen Löcher zu manövrieren. Mehrmals hält er an und schaut unter den Van. Einmal stoppen wir noch an einer Werkstatt und es werden ein paar Schrauben nachgezogen. Die Fahrt dauert endlos und die Piste wird nicht besser. Eine Stunde vor dem Ziel geht wieder irgendetwas kaputt. Der Fahrer ruft ein Skylab, die große laotische Tuk Tuk Variante, aus Nong Khiaw und wir packen das Gepäck und uns auf die Ladefläche. Nach der Verabschiedung geht die Reise mit dem Ersatzgefährt weiter, dass allerdings auch des Öfteren während der Fahrt einfach ausgeht, sich zum Glück allerdings auch immer wieder starten lässt. Eine Mitfahrerin hängt ihre kleine mobile Box an die Mittelstange und so fahren wir mit guter Musik in die Abenddämmerung hinein. Alle sind froh, als wir mit sechs Stunden Verspätung nach zehn Stunden endlich in Nong Khiaw ankommen. Während alle ihrer Wege gehen setzen Eddy und ich uns direkt in ein Restaurant, um unsere hungrigen Mägen zu füllen. Kurz darauf kommen noch einmal zwei unserer Mitreisenden zurück. Es sind zwei Rucksäcke übrig geblieben, unsere sind es aber nicht. Sie parken das Gepäck bei uns zur Abholung. Wir nehmen an, dass sie dem mitreisenden französischen Paar gehören. Nach zwanzig Minuten erscheint allerdings zwei Fremde, auch Franzosen, als Besitzer der Gepäckstücke. Wir sind völlig perplex, weil die Rucksäcke bei uns im Skylab mitgefahren sind, dieses Paar aber den ganzen Tag nicht dabei war. Irgendwie ein anstrengender, verrückter aber auch abenteuerlich schöner Tag, zu dem dieses verwirrende Ende hervorragend passt! Wir lassen uns das Abendessen schmecken und fallen anschließend todmüde in unsere neuen Betten.
Nong Khiaw ist ein ehemals kleiner Ort, der durch seine schöne Lage am Nam Ou und zwischen bizarr geformten Karstbergen zu einem hoch frequentierten Touristenstopp geworden ist. Geht man die Hauptstraße entlang, so sind überall große Schilder zu sehen, die für die immer gleichen Ausflüge werben. Daneben gibt es noch die Fotografien von Mahlzeiten, die für die unzähligen kleinen Restaurants werben sollen. Trotzdem hat der Ort den typischen Charme eines Startpunktes inmitten großartiger Natur. Auch wenn an allen Ecken neu gebaut wird, aufgestockt, erweitert oder gerade die Piste zur Straße zubetoniert wird, wie vor unserem Gasthaus. Die Lage ist strategisch günstig auf der Ost-West-Verbindung von Thailand nach Nordvietnam, sowie von Luang Prabang in die weiter nördlich gelegenen Provinzen. Laos ist schon lange kein unbekanntes Ziel mehr und durch die im Nachbarschaftsvergleich niedrigen Preise zieht es die Backpacker in Scharen an. Trotzdem sind Eddy und ich auf unserer Wanderung zu einem der sechs Aussichtspunkte auf den Bergen außerhalb von Nong Khiaw die ersten zwei Stunden völlig alleine. Es geht nach drei Kilometern entlang der staubigen Straße zuerst über Farmland und mittels eines Bambusstegs über einen kleinen Nebenfluss, bevor jäh die Steigung beginnt. Durch dichten, nicht allzu hohen Wald führt unser Pfad steil bergan. In den Lehm gehauene Stufen sind nach dem kleinen Schauer am Morgen recht rutschig. Schon nach einigen Dutzend Stufen fängt der Schweiß an zu laufen. Teilweise geht es über rudimentäre Leitern bergan, dann folgen wieder weitere hunderte Stufen. Entlang des Weges stehen Bananenstauden, später riesiger Bambus. Über zwei Stunden geht es immer weiter, bevor wir den ersten Ausblick auf die umliegenden Karstkegel bekommen. Kurze Zeit später sind wir oben. Auf über tausend Meter Höhe sind aus Blech, Holz und Bambus mehrere Plattformen auf den spitzkantigen Karst gesetzt, eine laotische Flagge weht im Wind. Auch hier sind wir alleine und genießen den großartigen Blick auf das siebenhundert Meter tiefer liegende Ning Khiaw, den Nam Ou und die einrahmenden grünen Berge, die sich bis zum Horizont ziehen. Während wir die Ausblicke von den einzelnen Plateaus verinnerlichen kommt ein deutsches Paar oben an. Die beiden schenken uns Bananen, die wir auch dankbar annehmen. Der Abstieg geht trotz des rutschigen Terrains zügig, aber gegen Ende fangen meine Knie an zu schmerzen an und ich versuche das Linke nicht mehr so stark zu belasten. Wieder am glasklaren Fluss genießen wir beide das kühle Wasser an unseren angestrengten Beinen. Ich wasche den Schweiß von Körper und T-Shirt, dann gehen wir zurück zur Straße und steuern das erstbeste Lokal an, um unsere ausgedörrten Kehlen wieder anzufeuchten.
Obwohl auch am nächsten Morgen meine Knie und Eddys Leiste schmerzen machen wir uns auf den Weg zum außerhalb liegenden Ortsmuseum. Bekannt ist es durch seine Sammlung amerikanischer Bombenreste aus dem Vietnamkrieg. Der Ho Chi Minh-Pfad führte von Nordvietnam über Laos und Kambodscha in den Süden des Landes. Über ihn lief der Waffennachschub und kamen frische Soldaten des Vietcong in den umkämpften Süden. Hunderte Millionen Bomben warfen die Amerikaner über Laos ab, um die Nachschubwege zu zerstören. Dabei wurde billigend der neun Jahre anhaltende Terror gegen die Zivilbevölkerung in Kauf genommen. Während Ernten zerstört, Wälder entlaubt und Erde vergiftet wurde, versuchte sich die Zivilbevölkerung in den zahlreichen Karsthöhlen zu verstecken. Nur nachts, wenn die US-Bomber nicht flogen, trauten sich die Menschen heraus. Auf dem Museumsgelände befinden sich zwei dieser Höhlen. Wir können das klaustrophobische Bangen nur erahnen, dem die Zivilbevölkerung ausgesetzt war. Das Museum selbst ist eher eine Kunst-Installation, die Wände sind aus Bombengehäusen und Granathülsen. Im inneren hängen viele Helme von der Decke. Verrottete Fahrräder aus verschiedenen Ländern sind ausgestellt. Im gesamten eine Mischung aus gefundenen Alltags- und Kriegsgegenständen. Ich denke zurück an die Ausstellung in Kapstadt über die Kinder laotischer Frauen und amerikanischer Gis und wie auch diese Verbindungen bis heute nachwirken. Eine rote Brücke führt über einen kleinen Fluss zur ersten der beiden Höhlen. Es sind noch einige vermoderte Bettgestelle aufgestellt und wir versuchen uns vorzustellen, wie sich die Bevölkerung hier Tag für Tag gefühlt haben muss. Eddy schaut sich noch die zweite Höhle an, während ich mein durch den Gang wieder arg strapaziertes Knie schone. Zurück heuern wir ein Skylab an, aus Angst, dass sich unsere Blessuren verschlimmern. Für den Rest des Tages ruhen wir uns aus und gehen nur noch zum Essen und für eine Runde Billard aus dem Gasthaus...
Am Morgen spazieren wir nach dem Frühstück mit unserem Gepäck zur Anlegestelle der Fähre nach Muang Ngoi. Wir kaufen unser Ticket, trinken noch ein Soda und warten auf die Ankunft des Bootes. Es sind schließlich so viele Fahrgäste, dass zwei weitere der typischen kleinen Kähne angeheuert werden. Der ganze Vorgang ist leicht chaotisch und dauert dementsprechend lange. Immerhin werden aber die Boote nicht überladen, das Gepäck kommt nach vorne hinter das Fahrerhaus, dann folgen vier Reihen mit jeweils links und rechts einem bequemen Sitz und dahinter zwei hölzerne Längsbänke für weitere zehn Passagiere. Nach einer halben Stunde fahren wir los und es geht stromaufwärts auf dem Nam Ou. Es ist friedlich hier auf dem Fluss, kaum ein anderes Boot ist unterwegs. Zu beiden Seiten ragen die Berge wie Zuckerhüte auf. An den Hängen noch Wald, in den flacheren Stücken oft schon Plantagen. Im Wasser liegen Wasserbüffelfamilien und käuen wieder. Der Fahrtwind lässt uns die kleine Reise genießen, bis nach einer halben Stunde der Bootsführer nervös wird und immer wieder nach hinten schaut. Schließlich fährt er vorsichtig auf eine Sandbank und steigt aus, um nach hinten zum Motor zu gehen. Er verschwindet kurz im Motorraum, kommt wieder und die Fahrt geht erst einmal weiter. Leider hat sich das Problem aber nicht erledigt und so fahren wir zwei weitere Male ans Ufer. Das dritte Boot überholt uns und die beiden Kapitäne tauschen sich aus. Letztendlich schaffen wir es mit einigen Motoraussetzern bis nach Muang Ngoi. Wir laden das Gepäck auf den kleinen Plastik-Ponton aus und gehen dann die Treppe hinauf ins Dorf. Einige Frauen bieten Zimmer an, wir haben jedoch schon vorgebucht und checken in unserem Gasthaus ein. Der Ort lebt ebenfalls vom Tourismus, ist aber noch einmal wesentlich ruhiger als Nong Khiaw. Da es nur eine Lehmpiste hierher gibt, sind kaum Autos und nur ein paar Roller zu sehen. Die Ruhe ist wunderbar und die Lage am Fluss mit den umgebenden Bergen ist es auch. Der betonierte Hauptweg führt einmal vom Kloster an einer Reihe von Läden und Restaurants vorbei zum Kloster an der anderen Seite. Links und rechts zweigen nichtasphaltierte Wege ab zu den Häusern und Ställen. Eddy entdeckt nach dem Essen eine laute Hochzeitsparty und ich mische mich noch unter die Feiernden. Ein großes buntes Dach in der Mitte wird von einem Dutzend weißen Pavillions umgeben. Vorne steht eine Bühne, auf der eine Sängerin die Tanzwütigen anheizt. An den Tischen unter den Pavillions wird gegessen und viel getrunken. Um drei Uhr nachmittags scheint ein guter Teil des Publikums schon so gut wie hinüber. Beerlao steht in zahlreichen Kästen an jedem Tisch und das Bier wird fast immer geext. Jemand öffnet eine Flasche und schenkt den umstehenden ein. Einige müssen schon gestützt werden und so mancher Blick ist nicht mehr stabil. Auf die Tanzfläche wirkt sich das recht dynamisch aus. Es wird sehr ausgiebig und enthusiastisch getanzt. Auch ein paar Reisende freuen sich am Fest und sind eifrig dabei. Ein junger Mann wird auf seinem Stuhl in die Luft gehoben und johlend von seinen Freunden herumgetragen. Ältere Männer können kaum noch stehen, Frauen ziehen andere Frauen an ihrer Kleidung auf die Tanzfläche. Ich ziehe mich nach einer Stunde und zwei Bierchen zurück, betrachte die Szenerie noch ein wenig aus der Entfernung und überlasse die Feier den Feiernden.
Auf dem Hauptweg beginnt am Abend ein weiteres Fest. Zuerst stehen und sitzen die Menschen nur um ein Haus herum, mit der Zeit werden dann immer mehr Tische auf den Weg gestellt. An fast allen wird unter grölen und lamentieren ein Kartenspiel gezockt. Geldstapel liegen vor den Spielern und Scheine werden nach für mich unverständlichen Regeln zusammen mit Karten oder auch ohne auf die Mitte des Tisches geknallt. Irgendwann wird das Geld dann verteilt, aber der Schlüssel dazu geht mir leider auch nicht auf. Alle trinken auch hier recht großzügig.
Am Morgen werde ich früh wach und höre eine Trommel schlagen. Ich ziehe mich schnell an und bin pünktlich zum Tak Bat, dem Almosengang der Mönche vor der Tür. Hier sind es genauso viele wie in Luang Prabang, aber nur ein paar einheimische Frauen und zwei Männer sitzen auf ihren kleinen Schemeln oder knien auf Teppichen und verteilen ihre gerollten Reisklumpen in die Töpfe der Mönche. In den leuchtend orangen Kutten stecken ausschließlich Kinder und Jugendliche. Der letzte Mönch zieh einen Hackenporsche hinter sich her, in den größere Gaben untergebracht werden. Einer der beiden Männer am Rand verteilt Tausend Kip Scheine. Frauen müssen generell knien oder sitzen, während Männer auch stehen dürfen, aber auch sie sollen den Kopf immer tiefer halten als der Mönch. Alle hundert Meter stoppt der Zug und die Gruppe chantet für eine Weile. Außer mir sind noch fünf Touristen anwesend. Die ganze Zeremonie strahlt hier die ihr inneliegende Würde aus. Auf der Hälfte der Strecke treffen die Mönchsgruppen der beiden Kloster aufeinander und jede Gruppe zieht weiter bis zum Ende ihres Weges. Der Rückweg erfolgt dann ungeordnet und die Bedächtigkeit ist Gesprächen gewichen. Ein paar der Frauen betten noch unter dauerndem Kopf senken. Kurze Zeit später übernehmen aber die weltlichen Bedürfnisse wieder ihre Hauptrolle: Es wird gebraten und gekocht, Feuer werden geschürt, die Läden öffnen und der Tag beginnt seinen Lauf zu nehmen.
Eddy und ich frühstücken und ziehen uns dann für eine Wanderung zum Nachbardorf an. Wie jeden Morgen am Nam Ou ziehen die dichten Wolken langsam von den Bergen ab und erste Sonnenstrahlen treten hervor. Wir laden kurz noch Map.me herunter, da Google hier nicht so zuverlässig ist und dann starten wir. Muang Ngoi hinter uns lassend wird es direkt sehr ländlich. Leider ist die Trockenzeit schon weit fortgeschritten, so dass die Luft staubgeschwängert und die Felder abgeerntet sind. Die Reisterrassen, im November wohl ein wunderbares Bild abgebend, sind jetzt grau-braun. Kühe und Wasserbüffel fressen die Stoppel und den kargen Bewuchs ab. Es ist sehr warm und so sind wir froh, als ein Traktor um die Ecke biegt. Ich halte ihn an und wir lassen uns ein Stück des Weges mitnehmen. Danach geht es noch zwei Kilometer bis wir das Dorf von den Feldern her erreichen. Es gibt auch hier etwas ländlichen Tourismus. Wir setzen uns an einen Tisch im Hinterhof und trinken etwas. Einige Frauen des Dorfes sitzen vor ihren Häusern und bedienen die traditionellen hölzernen Webstühle. Feine Schals mit komplizierten Mustern entstehen hier. Ein paar hängen zur Ansicht über Holzstangen. Eddy gefallen sie gut und so kauft er einer der Frauen einen ab. Das Dorf wirkt arm, aber es strahlt auch einen gelassenen Frieden aus. Die Häuser sind aus Holz, manche auch mit einem gemauerten Erdgeschoss gebaut. Wie überall im Lande so ist auch hier alles dick verstaubt. Wenn der Reis im saftigen Grün steht und der Staub wieder weggespült ist, wird es hier wahrscheinlich sehr hübsch aussehen. Auf dem Rückweg treffen wir eine Menge Schulkinder. Ein paar auf Motorrollern, die meisten aber zu Fuß. Ein langer Schulweg, wenn sie jeden Schultag nach Muang Ngoi und wieder zurückgehen müssen. Wir halten an einem kleinen Tümpel vor einer Höhle und kühlen uns im sauberen Wasser ab. Dann quälen wir uns ein wenig die letzten Kilometer zu unserem Gasthaus zurück. An den Tischen wird noch immer lautstark kommentiert, gespielt und getrunken. Jetzt gibt es sogar einen Tisch an dem Frauen ihre Geldscheine im Kartenspiel einsetzen. Unser Weg geht aber erst einmal in ein Restaurant und wir füllen unsere Reserven mit leckerem Essen und kühlen Getränken wieder auf.














Nachdem ich mir noch einmal den morgendlichen Tak Bat angeschaut habe, packen wir zusammen und holen unser Ticket für die Reise zurück nach Luang Prabat. Fünf Boote mit jeweils sechzehn Passagieren werden, wie jetzt schon gewohnt, umständlich gefüllt, bevor es auf dem Nam Ou abwärts Richtung Nong Khiaw geht. Der Wind weht uns um die Nasen, und wir genießen die kleine Reise, auch wenn wir diesmal unbequemer auf einem der beiden Holzbretter sitzen. Mit dem Tuk Tuk geht es anschließend zum Busbahnhof, bevor der Minibus uns und unsere Mitreisenden schluckt und auf dem nervenaufreibenden Ritt durch gefühlte Millionen Schlaglöcher nur für zwei kurze Pausen aufatmen lässt. Wir haben zudem nur noch die Plätze über der Achse auf der Rückbank bekommen, so dass Eddy fünfmal während der Fahrt so hochfliegt, dass er mit seinem Kopf gegen die Gepäckablage knallt. Außerdem schlucken wir durch die auf Grund der Hitze nicht zu schließenden Fenster jede Menge Staub und unsere Haare fühlen sich regelrecht verfilzt an. Froh, es geschafft zu haben steigen wir nach sechs Stunden aus, fahren mit dem Tuk Tuk ins Stadtzentrum und lassen uns erst einmal eine warme Mahlzeit schmecken. Wir gehen in ein Restaurant für „hand pulled noodles“ und es ist wirklich sehenswert, wie aus einem vielleicht zwei Kilo schwerem Teigkloss innerhalb einer knappen Minute durch geschickte Handbewegungen feine Nudeln gezogen werden, die dann zum kochen in den Topf wandern.
Am Abend hören wir aus dem benachbarten Kloster laute Musik. Wir gehen später nachschauen und sind überrascht einen kleinen Jahrmarkt vorzufinden: Zwei Schießbuden mit Luftdruckgewehren, eine Bude, an der die Kinder eifrig mit Pfeilen auf Luftballons werfen, eine Minieisenbahnstrecke sowie ein paar Essens- und Losbuden. Dazu spielt eine kleine Combo auf Trommeln und einer Art Vibraphon. Ein paar der jungen Mönche zocken auf ihrem Handy in einer Ecke des Tempels und auf alles schaut Buddha, golden und schön beleuchtet geduldig herab. Eddy fordert mich zu einer Runde Luftdruckgewehr schießen heraus. Direkt sein erster Schuß sitzt, mit den übrigen Sieben ballern wir aber nur noch Löcher in die Luft. Richtig zielen lässt sich mit den Flinten nicht. Unseren Gewinn, eine Flasche Trinkjogurth, reicht Eddy an eines der zuschauenden Kinder weiter.
Wir tauschen morgens noch Geld in der Stadt und treffen auf dem Rückweg das englische Paar von der Bowlingbahn wieder. Er sieht schon wieder so aus, als hätte er einen ungeheuren Kater abzubauen. Leider reicht die Zeit nur für ein kurzes Gespräch, wir müssen packen, um zum Bahnhof zu kommen. Gegen Mittag fährt unser Zug nach Vang Vieng. Die Laos China Railway betreibt seit ein paar Jahren die einzige Bahnstecke im Land. Sie führt von der chinesischen Stadt Kunming bis in die laotische Hauptstadt Vientiane. Von dort soll es in den nächsten Jahren eine Weiterführung der Trasse zuerst bis Bangkok und später sogar bis Singapur geben. Wir sind erst einmal froh diesen Abschnitt nehmen zu können, spart er doch eine siebenstündige Busfahrt über auch hier üble Piste. Die Chinesen haben im Zuge ihres Masterplans zur „Neuen Seidenstraße“ zusammen mit Laos dieses Mammutprojekt mit seinen unzähligen Tunneln gestemmt. Dabei muss Laos nur dreißig Prozent der Kosten tragen, was für das bitterarme Land allerdings noch immer unvorstellbar schwierig ist und es weiter in eine noch größere Abhängigkeit zum nördlichen Nachbarn treibt. Der Bahnhof ist pompös und historisierend gebaut, von den Abläufen funktioniert er ähnlich einem Flughafen. Es geht zuerst durch eine Pass- und Ticketkontrolle und danach für das Gepäck durch eine Röntgenanlage. Eine riesige Wartehalle mit einigen Geschäften nimmt uns auf, bevor wir in einen sehr modernen Zug steigen. Eine Dreier- und eine Zweiersitzreihe empfangen uns in der 2. Klasse. Der Zug fährt pünktlich ab, verdoppelt aber bis Vang Vieng fast seine Fahrzeit, weil wir lange in einem Tunnel stehenbleiben.
Aus dem Bahnhof kommend schaue ich auf mein Handy, um nachzusehen, welches Nummernschild Nouths Auto hat. Unsere Gastgeberin wollte uns mit ihrem Pick Up aufnehmen. Leider übersehe ich die einzige fehlende Betonplatte auf den riesigen Parkplätzen und krache mit meinem linken Bein plötzlich einen knappen halben Meter nach unten. Mein Handy fliegt aus der Hand und segelt noch fünfzehn Meter am vorausgehenden Eddy vorbei über den Beton, während ich jäh gestoppt mit einem Satz nach vorne umfalle. Der Unterschenkel ist auf handtellergroßer Fläche aufgeratscht und färbt sich schnell dunkler. Ich befürchte, mein Schienbein sei gebrochen, aber es wird sich wohl nur zu einer schmerzhaften Prellung auswachsen. Zuerst bin ich schockiert, dann folgt der Schmerz und mir wird leicht schummrig. Ich lege mich erst einmal hin, Eddy desinfiziert die Wunde und schiebt mir sein Reisekissen unter den Kopf. So warten wir, bis Nouth uns schließlich abholt. In ihrem Garten säubert und desinfiziert sie die Wunde noch einmal. Leider kann ich den Fuß nicht richtig heben, so dass längere Wanderungen in den nächsten Tagen nicht möglich sein werden. Wir fragen zwei Motorroller an, fahren sollte hoffentlich kein Problem sein. Eddy fährt mit seinem Roller nach Vang Vieng und holt etwas Verbandsmaterial, während ich es mir so gut wie möglich in unserem Stelzenbungalow bequem mache. Der Unterschenkel und das Fußgelenk schwillen zusehends an und bald ist die Archillessehne nur noch eine Ahnung. Eddy geht am Abend feiern und ich bin froh, dass wenigstens er etwas unternehmen kann!
Über Nacht werde ich leider immer weniger gehfähig, aber mit etwas Übung schaffe ich immerhin kleine Strecken, wenn auch unter Schmerzen. Wir beschließen trotzdem einen Ausflug mit den Rollern zu unternehmen und fahren einen größeren Loop, leider ohne die Sehenswürdigkeiten rechts und links des Weges besichtigen zu können. Trotzdem ist es eine schöne Strecke durch das Tal mit den uns umgebenden steil aufragenden Karstzacken. Unser einziger Halt ist an Lagune 3, einem in der Sonne türkis gefärbten Naturpool mit Restaurant, Billardtisch und Seil zum über das Wasser schwingen und hineinspringen. Eddy hat Spaß und ich bin erst einmal froh, überhaupt etwas unternehmen zu können, auch wenn ich weiterhin nicht sicher bin, ob nicht doch ein Dellbruch oder Haarriss mein Schienbein schädigt. Wir spielen zwei Partien Billard, zunehmend frustriert über unsere Versagen an dem relativ großen Tisch. Da die herausgetragenen Teller nicht besonders anziehend wirken, setzen wir uns schließlich wieder auf die Roller und fahren die Runde zu Ende und bis Vang Vieng durch. Bei einem leckeren Thai essen wir zu Mittag, bevor ich für den Rest des Tages im Bett verschwinde hoffend, dass die Vibrationen auf der Tour keine weitere Schädigung verursacht haben. Das ich Vang Vieng nicht näher kennenlerne ist egal, das Städtchen hat wenig zu bieten. Es werden einige Bettenburgen hochgezogen, viele Chinesen kommen mit dem Zug hierher. Auch ansonsten ist der Ort zu schnell gewachsen, alles wirkt im besten Falle zweckmäßig. Eine Unzahl von Restaurants und Geschäften, zu viele Touristen auf den Straßen und Laoten überwiegend als Servicekräfte zum Bedienen der Kundschaft. Seinen früheren Ruf als Party-, Sauf- und Drogenhochburg hat Vang Vieng dank durchgreifender Sicherheitskräfte zwar verloren, dafür sind es nun große chinesische Reisgruppen, die sich mit den westlichen Touristenhorden mischen. Es scheint, als komme jeder hier für einen Zwischenstopp vorbei, so dass jeglicher Reiz verloren ist. Aber das Umland hätte ich schon gerne mehr wahrnehmen können. Die Ebene verlassen und in den Karst einzudringen bleibt mir leider verwehrt.
Auch der nächste Tag wird für mich ein sehr ruhiger, aber wenigstens hat Eddy eine Verabredung zu einer Kletterstunde und kommt gegen Mittag begeistert in unser Häuschen zurück. Ich spaziere unter Mühe ein wenig die Hauptstraße hinunter und einen Feldweg links hinein, der mich wenigstens einmal an den Fuß der steil aufragenden Felswand bringt. Viel mehr möchte ich mir heute nicht zumuten, besonders da wir am nächsten Tag den längsten Reisetag unserer Tour vor uns haben.






Eddy unternimmt am frühen Morgen noch einen Flug mit dem Ultraleicht-Flugzeug und zeigt mir bei seiner Rückkehr ein Video seiner Tour entlang der Karstzacken. Von oben sieht es beeindruckend aus und ich bin ein bisschen neidisch, hatte aber zu viel Angst vor Start und Landung auf der leicht unebenen Wiese. So packen wir, frühstücken und lassen uns von Nouth anschließend zur Abholstelle unseres Tuk Tuk fahren. Hätten wir geahnt, dass es von dort aus erst einmal mit den anderen Fahrgästen hinaus zum Bahnhof und danach wieder neue Gäste aufnehmen geht bevor wir nach einer Stunde erst am Busbahnhof eintreffen. Es kommt, wie es kommen musste, der Bus ist voll und wir müssen mit ein paar anderen Passagieren das Eintreffen eines zweiten Busses abwarten. Eine halbe Stunde fährt ein goldenes Exemplar in den Hof ein, jedoch wird erst einmal eine Matte ausgelegt und zwei Männer verschwinden mit Werkzeug unter dem Motor. Wir warten eine weitere halbe Stunde, dann setzt sich der Bus in Bewegung und fährt Richtung Laos China Highway, der einzigen Autobahn des Landes. Eigentlich bis China durchgehend geplant ist bisher nur der Abschnitt zwischen Vang Vieng und der Hauptstadt Vientiane umgesetzt. Es dauert keine zwanzig Minuten, bis unser Bus rechts ran fährt. Er wird uns nicht weiter transportieren können, der Motor nimmt das Gas nicht richtig an. Immerhin ist nach einer weiteren Viertelstunde schon ein Ersatzbus da, das Gepäck wird umgeladen und die Reise wird fortgesetzt. Dieser wirkt wesentlich neuer, das Vertrauen kehrt ein wenig zurück. Aber ehe es vollständig wieder hergestellt ist ertönt ein lauter Alarm, einer Sirene nicht unähnlich. Wieder lenkt der Fahrer rechts ran, schaut sich kurz den Bus von außen an, telefoniert ein paar Momente laut und hektisch, bevor wir mit dem wenig vertrauenswürdigen Alarm wieder zurück auf die Fahrbahn fahren. Immerhin hält der Bus bis wir Vientiane erreichen und auch wenn das enervierende Geräusch ein schlechter Reisebegleiter ist, sind wir froh mit über zwei Stunden Verspätung anzukommen. Der Busfahrer begleitet uns noch zum nächsten Haltepunkt und verschwindet dann wieder aus unserem Leben. Hier wird uns mitgeteilt, dass der Anschlussbus vor einigen Minuten losgefahren ist. Wir stellen die Rucksäcke ab, Eddy geht etwas zu Essen für uns jagen und ich versuche rauszubekommen, wann es die nächste Transportmöglichkeit nach Thakhek gibt. Überraschenderweise sollen wir schon in vierzig Minuten abgeholt werden und so werde ich zunehmend nervös, als Eddy nach einer halben Stunde noch nicht zurück ist. Ich befürchte, er hat sich vielleicht verlaufen. Sein Handy hängt zum Aufladen an der Steckdose und ich richte mich auf einen längeren Tag in der Wartehalle ein. Schließlich trottet er heran, hat in aller Ruhe noch ein Stück Ente gegessen, sowie mir ein Sandwich ergattert. Der bisher luxuriöseste
Van trifft ein, dazu noch vollkommen leer. Wir und ein ebenfalls gestrandeter älterer Deutscher steigen ein. Eddy ergattert den Beifahrersitz und ich einen Einzelsitz mit viel Beinfreiheit. „Fühlt sich wie ein echtes Upgrade an“ kommt von Eddy. Unsere Hoffnung aber, dass dies unser Transport bis Thakhek sein wird, zerschlägt sich leider, als wir am Busbahnhof von Vientiane ausgeladen werden. Zu unserer Überraschung folgt nach dem Upgrade aber ein weiteres, als wir in einen Schlafbus verladen werden. Schuhe in eine Plastiktüte und dann auf Socken zu einer der vierzehn Plattformen auf zwei Ebenen. Wir landen zuerst zusammen auf einer der Oberen, aber bevor sich der Bus füllt, lasse ich Eddy über den Gang zu seiner eigenen Plattform wechseln. Tatsächlich schaffen wir es unter Verweis auf unsere Größe die Plätze zu halten. Das leicht puffige rote Interieur, die Gardinen vor den Fenstern und die relaxte Art zu reisen machen uns beide glücklich. Außer dem mitreisenden Deutschen sind zum ersten Male ausschließlich Laoten an Bord. Es dauert zwar wieder endlos, bevor wir uns in Bewegung setzen und dann auch nur für zweihundert Meter, aber nachdem die Essensverkäuferinnen einmal alle bedient haben, geht es doch über gute Piste und in anständigem Tempo weiter. Es gibt zwei weitere Pausen um Essen zu fassen, eine wird genutzt für den Traumkauf zweier Magnum Almond und der andere zum allgemeinen Suppe fassen. Gegen dreiundzwanzig Uhr erreichen wir das Ziel, nach fast fünfzehn Stunden und mit fünf Stunden Verspätung. Wir verlieren das Handeln gegen die Tuk Tuk-Fahrer, steigen ein und fahren die letzte halbe Stunde zum weit außerhalb liegenden Green Climber Resort. Unsere Hütte 63 steht in Camp 1, im hinteren Teil des Tales. Es ist absolut dunkel, nur die Sterne leuchten herrlich und zeichnen die schwarzen Umrisse der umliegenden Felsen nach. Zweimal stolpere ich noch auf dem unebenen Boden, weil ich meinen Fuß am verletzten Bein nicht richtig hebe, dann ist das Tagesziel erreicht und ich falle zügig auf die harte Matratze, zufrieden, dass durch den Schlafbus die Reise letztendlich trotz aller Umstände doch sehr erträglich war.
Ein paar Mal wache ich durch interessante Tierschreie auf, freue mich an den geckernden Geckos und setzte mich mit der Dämmerung auf unsere Terrasse. Das Tal ist herrlich, genau der Ort, den ich bisher in Laos vermisst habe: Ein Idyll aus grünen Sträuchern, Bäumen und den uns fast völlig einschließenden braun-schwarzen Felsen. Einige Hütten sind in das Tal hineingebaut, vis-a-vis als Mittelpunkt das Restaurant, Treff- und Versorgungspunkt von Camp 1. Eine kleine Kuhherde kommt auf Nahrungssuche durch das Lager streifend an unserer Hütte vorbei. Sollte ich die nächsten drei Tage auch wahrscheinlich keinen Kletterkurs antreten können, bin ich hier gut aufgehoben. Wir lassen uns ein köstliches Frühstück schmecken, spielen zwei Runden Boule und Eddy bereitet sich auf seinen ersten Kurs vor. Ich begleite die kleine Gruppe und erobere mir den Ort ein wenig. Bis auf das eine oder andere schwach wahrnehmbare LKW Horn dringt kein Laut von außen bis hierher. Es sind wohl etwas über ein Kilometer vom Talausgang bis zu unserer Hütte, in der Breite misst das Tal weniger als vierhundert Meter. Ein abgeschlossener wunderbarer Ort, ganz dem klettern gewidmet und zum Glück auch für die reine Erholung bestens geeignet.
In den nächsten Tagen regeneriert sich mein Bein immer weiter, auch wenn neben dem braunen Schorf alles großflächig grün und blau ist. Ich finde im Bücherschrank ein wenig leichte Kost und so lege ich meinen Uwe Johnson „Jahrestage“ an Seite und widme mich „22 Bahnen“, danach einem Spiegelbuch über Auswanderer und zuletzt leicht Verdaulichem über den Alltag eines Kindes in den Sechziger Jahren von Heinz Strunk. Meine Runden im Tal werden größer, ich folge den erstaunlich zahlreichen und langen Pfaden durch den meist lichten Buschwald. Immer wieder komme ich an verschiedene Abschnitte der aufragenden Wände und überall sind Routen mit Haken markiert. Etwa sechshundert von ihnen verlaufen vertikal die Felsen hinauf. Kletterer aus Bamberg haben hier einst die ersten Routen bezwungen, bevor einem deutschen Paar dann die Idee kam, das ganze Tal zu erschließen und eine temporäre Heimat für Kletterer aus der ganzen Welt zu schaffen. Einmal ist die gesamte Anlage abgebrannt, danach traf es das Hauptgebäude noch ein zweites Mal, als sich angebliche Konfettibomben als Raketen herausstellten. Irgendwann haben die Besitzer verkauft und sind nach Franken gezogen, wo sie sich von ihrem Gewinn immerhin ein Haus leisten konnten und nun überlegen ein deutsches Pendant zum Green Climbers Home zu errichten. Die Gäste erinnern mich an die Surfer Crowd in Portugal, sehr freundlich, etwas hedonistisch und gut durchtrainiert. Viele kommen seit Jahren hierher, einige arbeiten für Kost und Logis eine Zeit lang im Restaurant. Zu den drei Hauptmahlzeiten wird es voll, dazwischen sucht sich jede und jeder eine persönliche Herausforderung. Am Abend sitzen fast alle zusammen, erzählen, spielen oder lesen. Gegen 22 Uhr kehrt Ruhe ein. Während es in Camp 1 keinen Empfang gibt, ist das am Anfang des Tales liegende Camp 2 für die digitale Welt erschlossen. Aber auch hier wird es nach zehn Uhr ruhig.
Wenn Eddy weiter oben in der Wand klettert, schwebe ich in einer geteilten Gefühlswelt. Auf der einen Seite überwiegt die Freude über seinen Eifer und der Lust an neuen Aufgaben. Aber auch die Angst vor einer schweren Verletzung oder dem Tod schwingt mit. Vor einigen Tagen ist hier im Tal eine südkoreanische Kletterin gestorben. Sie war mit ihrer Partnerin aus Thakhek als Tagesgast gekommen, keiner kannte sie vorher. Ein Sturz aus sechs Metern Höhe hat gereicht, um ihr Leben auszulöschen. Die Vorstellung, mit solch einem Unglück leben zu müssen, schnürt mir die Kehle zu. Aber natürlich kann jeden Tag etwas Tragisches passieren und meine Aufgabe als Vater besteht darin, Eddy möglichst angstfrei, aber Risiken gut einschätzend hinaus in sein Leben zu schicken. Es war meine Idee hierher zu kommen und er hat seitdem in Boulder-Hallen Technik und Ausdauer geübt. Hier werden ihm nun die nötigen theoretischen und praktischen Kniffe gezeigt, um in diesem Sport weiterzukommen. Was mir daran gefällt ist, dass jede Route eigene Probleme mit sich bringt und es oft Dutzende Anläufe braucht diese zu lösen. Es ist ein hervorragendes Training für Körper und Gehirn.
Mein Morgenspaziergang führt mich für zweieinhalb Stunden wesentlich tiefer ins Tal hinein. Auch hier gibt es noch Kletterrouten und deswegen schmale Pfade durch die Vegetation. Ich erreiche wieder einmal einen Einstiegspunkt. Seit fast einer Stunde ist mir niemand mehr begegnet und so genieße ich die Szenerie ganz für mich alleine. Es gibt mehrere kleine Höhlen, in die ich mich aber nur soweit hinein wage, wie das Tageslicht mir den Weg zeigt. Tropfsteinartige Gebilde an Wänden und Decke erzeugen eine märchenartige Atmosphäre. Auch an den Außenwänden der Berge haben sich fast skulpturale Formen gebildet. Laos ist voll von bunten Schmetterlingen. Während wir kaum andere Wildtiere sehen, sind sie in allen Farben und Schattierungen fast überall zu finden. Oft sind es wesentlich größere Exemplare als in Deutschland vorkommen. Vor einer Wand tanzen Dutzende einer Art, umschwirren mich und setzen sich dann, scheinbar zur Nahrungsaufnahme, auf den Stein. Mit ihren hellen Punkten an den Außenseiten der Flügel und ihren leuchtend violetten Farbklecksen auf dunklem Grund sind sie besonders schön. Immer wieder versuche ich ihnen mit meinen Augen zu folgen, aber ihre abrupten Richtungswechsel und die Schnelligkeit des Flügelschlags machen es fast unmöglich zu beobachten. So genieße ich es einfach, wie sie mich umkreisen, während ihre Farbe immer wieder im Licht kurz aufblitzt. Fast wie kleine Discokugeln, die durch den Raum schweben. Das ganze Tal ist nicht außergewöhnlich spektakulär, aber strahlt eine angenehm betäubende Ruhe aus. Auf dem Rückweg komme ich an einer vor längerer Zeit gebrandrodeten Lichtung vorbei. Nun wachsen Bananen zwischen den verkokelten Stämmen. Ich treffe auf eine Hütte vor der ein Roller parkt. Ein Mann zieht sich gerade seine Hose an. Hütte ist eigentlich übertrieben, eher ein zeltartiges Holzgestell mit einer Plastikplane überzogen. Hier geht der Weg nicht weiter. Ich grüße und versuche zu erfahren, ob es noch tiefer ins Tal geht. Wir reden mit Händen und Füßen, leider verstehe ich seine Extremitäten nicht richtig. Ich kehre um und halte nur noch einmal unter einem der wenigen großen Bäume. Er besitzt momentan keine Blätter, dafür tausende weiße Blüten mit einer violetten Zunge. Alle paar Sekunden löst sich eine und segelt langsam hinunter in meine Richtung. Rundherum sieht es aus, als würde alles blühen, dabei ist es lediglich die eine Baumkrone, die ihre ganze Umgebung schmückt.



Unsere Motorroller stehen bei Mad Monkey Motorcycles für uns bereit. Zweimal Honda Dream mit 150ccm für unsere einwöchige Tour durch die Karstgebirge. Der Anfang ist mühselig, die Straße viel befahren, jede Menge LKW von oder nach Vietnam zu dem üblichen Roller- und SUV-Wahnsinn. Die Straße ist in einem miserablen Zustand, oft mehr Loch als Teer. So surfen wir in Staubwolken zwischen LKWs hindurch und erreichen kaum mehr als vierzig Stundenkilometer. Irgendwann halten wir an einem der zahlreichen kleinen Schuppen, die Kehle anfeuchten und der gnadenlosen Sonne für eine halbe Stunde entfliehen. Am Nebentisch isst ein laotisches Paar kleine Fleischspießchen. Wir bestellen uns auch welche, die dann über glühender Holzkohle zubereitet werden. Die beiden Verkäuferinnen finden Eddy „handsome“ und kichern ein wenig verschämt. Der Mann am Nebentisch lässt mir zu meinem Bier direkt ein zweites stellen, sieht aber auch ein, als ich ablehne, weil wir noch eine längere Fahrt vor uns haben. Die Spieße sind lecker, allerdings auch ein wenig zäh. Wir fragen uns, was wir hier gerade essen, wollen aber eigentlich lieber keine Antwort bekommen. So geht es nach lieber Verabschiedung von der Gruppe zurück auf die Piste.
Erst als wir von der zur vietnamesischen Grenze führenden Straße abbiegen, wird es ruhiger und auch der Asphalt bald besser. Wir fahren irgendwann von unserer Route rechts ab auf eine Schotterpiste, die uns zu einem schönen Becken mit Wasserkaskaden bringt. Ein paar einheimische Kinder klettern immer wieder waghalsig einen Baum hinauf, von dort weiter auf einen Felsen und springen dann ein paar Meter tief ins herrlich kühle Nass. Auch andere Rollerfahrer genießen die Erfrischung. Dicke Felsbrocken erschweren den Zugang, erst als wir ein paar Mal hoch und runter gekraxelt sind können auch wir uns abkühlen. Sehr erfrischend nach der heiß-staubigen Fahrt hierher! Eddy taucht ab, um die Tiefe für einen Sprung zu prüfen. Dann klettert er einige Meter hoch und landet mit leicht angezogenen Knien. Wie so oft denke ich an den Satz von zwei Weltenbummlern: „ Du brauchst kein Glück, du darfst nur kein Pech haben...“ Es ist das erste Mal seit einer Woche, dass auch ich mit meiner Verletzung ins Wasser steige. Nachher tupfe ich die verschorfte Wunde vorsichtig trocken, bevor wir uns anziehen und auf den letzten Abschnitt unserer heutigen Etappe begeben. Eine schöne Fahrt durch kurviges Terrain, immer wieder vorbei an kleinen Siedlungen bringt uns letztendlich nach Thalang, gelegen an einem großen Stausee. Wir essen erst einmal mit Blick auf das Wasser, ruhen uns anschließend ein wenig aus und verlieren danach im nahegelegenen „Sabaidee Guesthouse“ zwei Partien Boule gegen Lucien und einen zweiten Franzosen. Während ich relativ früh ins Bett gehe, feiert Eddy noch zwei Stündchen mit den zahlreichen jungen Reisenden im Garten des Gasthauses.
Unser zweiter Tag führt uns längere Zeit entlang schmaler Finger und größerer Einbuchtungen des Tam Theun. Es ist ein seltsamer Anblick, weil die Bäume nicht vor dem anstauen des Sees gefällt wurden und nun zu Hunderten als kahle Stämme aus dem Wasser ragen. Eine Gruppe Rollerfahrer steht auf der anderen Straßenseite. Eine junge Frau wird von Mitreisenden verarztet. Eigentlich keine Stelle für einen Unfall, wahrscheinlich sind zwei ihrer Roller aneinander gestoßen und haben sich verhakt. Wir passieren die letzten Ausläufer bevor es durch dichten Buschwald und anschließend Bergwald kurvenreich weitergeht. Ein Pavian kreuzt vor uns die Straße und verschwindet im Dickicht. Staubige Straßendörfer lassen wir links liegen, Hunde am Wegesrand und immer wieder winkende Kinder. Schließlich öffnet sich der Blick in ein weites, stark landschaftlich geprägtes Tal tief unter uns. Am Horizont ein einzelner langgezogener Berg. Wir schlängeln uns in das dunstige Tal hinab, immer von Dorf zu Dorf. In Lak Sao sollten wir abbiegen, fahren allerdings stattdessen noch eine Weile geradeaus, bis Eddy stutzig wird und wir nach einem Google Maps Check wieder zurück fahren und schließlich in die richtige Straße einbiegen.
der einzigen kleinen Stadt auf unserem Weg verfahren wir uns, merken es zum Glück aber nach einigen Minuten und kehren um. Ein Hund am Straßenrand weckt kurz danch unsere Aufmerksamkeit. Seine seltsam aufgestellten Ohren und sein bellen sind einem in Kampstellung aufgebautem kleinem Leguan geschuldet. Mit weit aufgerissenem Maul faucht er den viel größeren Hund entschlossen an. Als wir uns zu Fuß nähern verschwindet der Hund, der Leguan aber bleibt und scheint sich zu fragen, was die beiden neuen Gestalten von ihm möchten. Ich gehe relativ nahe mit der Linse an ihn heran, fotografiere und beobachte, bis er einen unaufmerksamen Augenblick nutzt und, schnell über die Straße wieselnd, entkommt.
Unser Mittagsstopp ist an der Drachenhöhle, einer der tausenden von Höhlen in dem durchlöcherten Karstgebirge. Diese ist ausgeleuchtet und besuchbar. Zuerst geht es durch eine sehr niedrige Passage, die nur tief geduckt begehbar ist, dann öffnet sie sich zu einer großen Halle mit Tropfsteingebilden. Heraus kommen wir wieder über einen steilen Anstieg am anderen Ende. Wir schleppen uns noch über scheinbar endlose Treppen zu einem sehr schönen Ausblick über das gleich zu durchfahrende Tal, bevor wir uns wieder auf unsere Roller setzen und uns über den erfrischenden Fahrtwind bei über 35°C freuen. Wir biegen später noch einmal auf eine Piste ab, die uns nach ein paar Kilometern zu einem Naturschwimmbecken bringt. Der Cool Pool ist gut besucht und auch entsprechend ausgebaut. Wir zahlen unseren Eintritt und treffen auf den umgebenden Felsen ein paar Gäste vom vorherigen Abend wieder. Das Wasser ist herrlich kühl und nach dem stundenlangen Fahren eine höchst willkommene Abwechslung. Trotzdem hat der Ort durch die zahlreichen Gäste und die schon weit fortgeschrittene Erschließung etwas von einem öffentlichen Schwimmbad, wenn auch von einem ausgesprochen hübschen.
Bevor wir die letzten vierzig Kilometer zu unserem heutigen Ziel am Hounboun River zurücklegen, halten wir noch an einem kleinen Restaurant über einem schmalen Fluß. Wir bestellen unser Essen und ich genieße mein kühles Beerlao. Außer uns und der Besitzerin ist nur noch eine Gruppe von sechs Männern im mittleren Alter anwesend. Sie unterhalten sich angeregt und lachen viel. Dazu wird einiges getrunken. Wir wechseln ein paar Sätze und einer setzt sich für eine Weile zu uns. Er arbeitet im örtlichen Forst, sein auch anwesender Bruder leitet die Behörde. Nach seinem Studium für ländliche Entwicklung in Chang Mai, Thailand, hat er elf Jahre an einer Universität in Savannakhet gearbeitet. Sein Englisch ist nicht besonders gut und immer wieder sucht er nach Worten, aber es reicht um ein paar Fakten zu erfahren. Alle sechs haben heute einen freien Tag. Bis gestern waren lokale Wahlen, weswegen nun ein freier Tag angehängt wurde. Es gibt zwar nur eine Partei in Laos, trotzdem gibt es für Parlamente auf Distrikt Ebene verschiedene wählbare Kandidaten. Unser Gesprächspartner ist zufrieden mit dem politischen System, für ihn hat die Partei Laos aus der Kolonialzeit in die Selbstbestimmung geführt, wofür er dankbar ist. Außerdem sorge sie für Frieden. Alle Laoten seien Verwandte. Er erklärt das an einem Beispiel: Wenn er irgendwo im Lande hinreisen müsste fände er immer einen Platz zum essen und schlafen, auch wenn er niemanden vor Ort kennen würde. Sein Gesicht drückt dabei einen solchen Frieden samt glänzender Augen aus, das ich mich für ihn freue. Wir verabschieden uns von der lustigen Gruppe und fahren weiter in den Sonnenuntergang hinein.
Am Abend haben wir Glück, als wir mit der beginnenden Dunkelheit das Springriver Resort erreichen. Eigentlich sind wir erst ab übermorgen hier eingebucht und das ganze Haus ist voll. Nur durch die späte Absage eines Gastes bekommen wir noch ein Zimmer, dazu zwar das Teuerste, aber auch eines der schönsten. Und hier sehe ich auch endlich das Tier zu den uns schon seit Nächten begleitenden lustigen Rufen. Es ist ein großes Gecko, etwa dreißig Zentimeter lang und, da wir bisher nur die kleineren Artgenossen aus Portugal gewöhnt sind, irgendwie aufgepumpt wirkend. Immer wieder habe ich Ausschau gehalten nach dem Rufer in der Nacht, hier auf unserem Balkon sitzt er nun ruhig an der Wand, beobachtet mich genauso wie ich ihn. Es ist immer wieder etwas besonderes, ein Wildtier beobachten zu dürfen, vor allem, wenn ich es vorher noch nie gesehen habe. Ich schaue es mir genau an und rufe dann Eddy dazu, der genauso über die Größe staunt. Bisher uns bekannte Geckos würden hier zehn Mal hineinpassen!
Schon über Nacht lausche ich den Regentropfen auf unserem Dach. Am Morgen ist es dann stark bewölkt und nach dem Frühstück hören wir Donnergrollen in der Ferne. Etwas später startet der Regen. Ein Franzose, der hier an der Kommunikation zwischen Naturpark und Landbevölkerung arbeitet und Konzepte mit den Menschen erstellt, wie eine Akzeptanz der Naturschutzbemühungen mit dem Wohlstand in den Dörfern kombinierbar ist, erzählt mir, dass dieser erste Regen nach der Trockenzeit „mango rain“ genannt wird. Für die nächsten drei Stunden schaue ich, wie dicke Regentropfen auf den Fluss fallen. Die französischen Kinder aus dem Nachbarzimmer entdecken eine Schlange in einem Haufen trocknender großer Blätter. Bei genauem hinsehen entpuppen sie sich sogar als ein ineinander verwobenes etwa anderthalb bis zwei Meter langes Paar. Immer wieder recken sie ihre Köpfe aus den Blättern nach oben. Ich schraube mein Teleobjektiv auf und probiere ein paar schöne Fotos zu schießen. Das fokussieren ist allerdings recht schwer, weil sie sich schnell und dabei nicht linear bewegen und um sie herum der Laubhaufen recht dicht ist. Ob sie sich paaren oder kämpfen ist schwer zu sagen, aber ich denke, dass es eher ein Paarungsritual ist. Zwei Mal werden sie rasend schnell in ihren Bewegungen, fliegen einen halben Meter hoch und fallen wieder zurück. Vielleicht der Höhepunkt ihrer Vereinigung. Später finde ich im Internet ein Foto ihrer Art. Es sind Strahlenottern, so benannt nach den strahlenförmig von ihren Augen abgehenden Streifen. Der Hotelleiter fragt für mich beim Personal nach, die im versichern, dass es ungiftige Exemplare sind.
Mit nachlassendem Regen fahren wir los zum Rock Viewpoint, einer großen Terrasse über dem Kalkstein mit Restaurant, Zip Lines und sehr schönen kleinen Wohnkapseln, in denen wir uns für die heutige Nacht einmieten. Am Nachmittag starten wir einen mehrstündigen Parcours über die Felsen. Schwebend, kletternd und über Stege gehend schauen wir uns die faszinierende Welt des Karsts von oben an. Herrliche Perspektiven auf Baumkronen und Felsnadeln, aber auch Aussichten in Täler und über verschiedene Bergketten hinweg bieten immer wieder neue Blickwinkel. Eine schöne Art, das sonst sehr unzugängliche Karstgebirge einmal besser betrachten zu können. Faszinierend stechen die oft kahlen Bäume mit ihren hellen Ästen und Stämmen vom fast schwarzen Felsgestein ab. Einige von ihnen blühen auch lila, was zusammen mit grün beblätterten Büschen und Bäumen für zusätzliche wunderschöne Kontraste sorgt. Auch wenn ich sonst wenig Freund von vorgestanzten Abenteuern bin, überzeugt mich dieses Erlebnis sehr.
Es regnet fast die ganze Nacht und auch morgens um sieben, als ich mich mit meiner Kamera auf den Weg mache, um nach den hier ansässigen Lao Lenguren, einer bedrohten endemischen Art, zu schauen, hat es noch nicht ganz aufgehört. Nebelschwaden ziehen sich durch Baum- und Felskronen. Scheinbar nicht das Wetter, was die Tiere mögen. Bis auf ein Eichhörnchen und ein kleines schnell weghuschendes Pelzknäuel sehe ich keine tierischen Bewohner. Trotzdem lohnt sich der angelegte Gang über Metallplatten und unzählige Stufen hinab in den Karst sehr. Wie ein von einem Gartenarchitekten nicht besser anzulegender Park bietet sich die Landschaft dar. Mir gefällt es so gut, dass ich nach dem Frühstück noch einmal die Runde drehe, diesmal schon wieder unter blauem Himmel. Schweißgebadet komme ich zurück, dusche mich erst einmal. Dann packen wir unsere Sachen ein, schwingen uns auf die Roller und fahren für weitere zwei Nächte zurück ins Springriver Resort.
Ein Longtail Boot holt uns ab, um den Nam Hinboun stromaufwärts zur größten mit dem Boot durchquerbaren Höhle der Erde zu bringen, der Kong Lor. Der Fluss führt jetzt zum Ende der Trockenzeit sehr wenig Wasser, so dass wir stellenweise nur recht langsam und mehrmals sogar aufsetzend vorankommen. Zwei Mal steigen wir aus, damit das Boot über eine Sandbank gezogen wird. Unsere ständigen Begleiter sind verschieden Entenarten und grasende Wasserbüffel. Tausende Schmetterlinge bevölkern die Ufer, manchmal steigen ganze Wolken auf. An der Kong Lor Höhle kaufen wir ein Ticket und wechseln in einen anderen Kahn. Longtail Boote bestehen eigentlich nur aus zwei Wangen und einem Bodenbrett. Vier Sitzbretter zur Aussteifung und jeweils ein kleines an Anfang und Ende, fertig ist das Boot. Angehängt wird ein kleiner Außenborder mit dem Propeller an einer langen Stange befestigt. Die Fahrt durch die über sieben Kilometer lange Höhle ist relativ unspektakulär, einzig der Halt in einer mit riesigen Stalagmiten bewachsenen Halle ist wirklich sehenswert. Mit unseren schwachen Kopflampen beleuchten wir während der Fahrt die Wände, aber letztendlich erinnert es doch weitestgehend an einen Tunnel in Österreich... Eine kleine Fledermauskolonie an der Decke bringt etwas Abwechslung in das monotone dahintuckern. Wieder im Tageslicht fahren wir zurück zum Resort, vorbei an kleinen mit Bambusstangen abgezäunten Gemüsegärten am Ufer, hinweg über quer im Fluss liegende Baumstämme und durch ein kleines Labyrinth aus aufragenden spitzen Felsen manövrierend.
Wir leihen uns ein Kanu und paddeln in einen Seitenarm des Nam Hinboun, da es dort zum schwimmen genügend Tiefe hat. Das eigentlich kristallklare Wasser wird oberflächlich durch vom Regen gelöste Moosplacken etwas beeinträchtigt. Wir lassen uns trotzdem über die Kante gleiten und genießen die herrliche Erfrischung nach der wolkigen Hitze des Tages. Eddy spielt, kaum wieder an Bord Wildwasserkanute und kentert dabei großartig. Auf dem Rückweg begegnen uns wiederum zwei Strahlenottern, wahrscheinlich die beiden Exemplare, die sich vor zwei Tagen gepaart haben. In ein paar Metern Entfernung voneinander gleiten sie von der Uferböschung ins Wasser und schwimmen mit erhobenen Häuptern flussaufwärts davon. Ein riesiger, in Teilen knatschgelber Schmetterling perfektioniert das Bild. Und ewig ruft der Gecko...
Wir nehmen Abschied von unserem Idyll, bepacken die Motorroller und fahren zurück durch das ruhige Tal Richtung Rockpoint View und weiter zur Nationalstraße 13. Ein Essensstopp kurz vor der Kreuzung zeigt uns noch einmal die nichttouristischen Preise des Landes: Für zwei leckere Mittagessen und ein großes Beerlao zahlen wir knapp vier Euro. Dafür ist das Ambiente auch stilecht einfach... Die letzten hundert Kilometer schnurstracks geradeaus mit vielen Lastkraftwagen schlauchen uns und so sind wir bei unserer Ankunft in Thakhek froh über eine Pause am Mekong, bevor wir die Roller zurückgeben und uns für unsere letzten beiden Übernachtungen noch einmal im Green Climbers Home einbuchen.











